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Zur Geschichte von Buchkultur und Exlibris in der Ukraine

 

Exlibris (von lateinisch „ex libris", deutsch: aus den Bьchern) sind in Bьcher eingeklebte oder eingedruckte Zeichen mit Namen oder Zeichen der Eigentьmer. Exlibris bestдtigen den Besitz einer Sammlung und kцnnen sich auf den Besitzer von Bьchern oder auf eine Bibliothek beziehen. Mit Hilfe von Exlibris kцnnen Bestдnde von Sammlungen ermittelt oder verstreute Sammlungen zusammengetragen werden. Darьber hinaus kann man mittels Exlibris kulturhistorische und sozialhistorischc Informationen ьber die Sammler und Besitzer von Bьchern ermitteln. Gedruckte Exlibris kommen zuerst in Deutschland in der zweiten Hдlfte des 15. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Erfindung des Buchdrucks auf. Die Voraussetzung fьr die Verbreitung von Exlibris in der Ukraine bildete die Entwicklung von Buchkultur und Buchdruck im 16. Jahrhundert und das damit verbundene wachsende Interesse an Bьchern.
Doch bereits vor dieser Zeit war die Buchkultur in der Ukraine auf der Basis von Handschriften hoch entwickelt. Bereits in der Blьtezeit des Kiewer Reichs (10/l 1. Jahrhundert) haben Fьrsten wie Jaroslav der Weise die Einrichtung von Bibliotheken gefцrdert. Grundlage der Buch-und Schriftkultur war der orthodoxe Glaube und seine religiцs-geistigen Zentren, wie z.B. die Kiewer Sophienkathedrale. Nach dem Zerfall der Kicwer Rus' als Folge des Mongolensturms 1240 und der Inkorporation der Ge-
biete des Fьrstentums Galizicn-Wolhynien in das Kцnigreich Polen und das GroЯfurstentum Eitauen im 14. Jahrhundert verlor die orthodox-ostslawische Kultur jedoch ihren staatlichen Rahmen und damit wichtige Fцrderer. Dies wirkte sich zunдchst hemmend auf die Buchproduktion aus.
Seit Beginn des 14. Jahrhunderts kamen die nordwestlichen und sьdwestlichen, heute vornehmlich zur Ukraine und zur Belarus' gehцrenden Gebiete der Kiewer Rus' unter die Kontrolle des GroЯfьrstentums Litauen, das zur osteuropдischen GroЯmacht aufstieg. Das GroЯfurstentum Litauen war ein multinationales und multikonfessionelles GroЯreich mit mehrheitlich orthodox-ostslawischer Bevцlkerung und einer zunдchst heidnischen baltischsprachigen litauischen Oberschicht. Seit 1386 waren das litauische GroЯfьrstentum und das polnische Kцnigreich in Personalunion verbunden.
Die wichtigeren ostslawischen Fьrstentьmer im GroЯfurstentum Litauen wurden an Angehцrige der litauischen Herrscherdynastie vergeben, die dann meist zur Orthodoxie ьbertraten. Im Unterschied zu Galizien im Westen, das schon im 14. Jahrhundert zu Polen gehцrte und sich stark von den ukrainischen Lдndern im Osten und Sьden unterschied, konnten sich die ukrainischen und weiЯrussischen Gebiete im GroЯfurstentum Litauen jedoch eine gewisse Autonomie bewahren. Das Rechtssystem des GroЯfьrstentums war stark vom Erbe der Rus' beeinflusst. Die offizielle Sprache in Verwaltung und Rechtswesen war ein, Kanzlei-Ruthcnisch', eine Mischform des WeiЯrussischen und Ukrainischen. Ukrainer und WeiЯrussen bildeten eine eigene einflussreiche Schicht. Als Beispiel fьr die bedeutende Rolle der ukrainisch- und weiЯrussisch orthodoxen Oberschicht in dem in religiцsen Fragen recht tole-
ranten GroЯfьrstentum Litauen kann man den ukrainischen Adeligen Avraam Hlembyc'kyj anfьhren, der als Besitzer des ersten Exlibris in der Ukraine gilt. Es handelt sich dabei um ein Protoexlibris, einen Vorlдufer des Exlibris, da es - wie auch das Buch, in dem es sich befindet - nicht gedruckt, sondern als Einzelstьck gefertigt ist.
Hlembyc'kyj war Schatzmeister im GroЯfьrstentum und Besitzer des „Kiewer Psalter", einer der bedeutendsten Handschriften und damit eines der wichtigsten Schriftdenkmдler der orthodox-ostslawischen Kultur. Der Kiewer Psalter, der aus dem Jahr 1397 datiert und nach byzantinischem Vorbild gearbeitet ist, ist zugleich ein Beleg fьr das hohe Niveau der Buchkunst in der Ukraine im 14-16. Jahrhundert. Der Besitzer stattete die Handschrift auf der Stirnseite des Pergamenttitelblatts mit einem gemalten Exlibris aus.
Im Zentrum dieses gemalten Exlibris befindet sich ein roter, blau umrissener sechszackiger Stern, unter dem sich ein Halbmond befindet. Bei dieser Zeichenkombination handelt es sich um das Wappen Leliva, eine in ganz Europa weit verbreitete Wappensymbolik, die auch in der Heraldik des ukrainischen Adels in Polen-Eitaucn hдufig anzutreffen war. Insgesamt wurde die Entwicklung der Heraldik in der Ukraine durch die Einfьhrung des deutschen Rechts nach dem Vorbild Magdeburgs seit dem 14. Jahrhundert stark gefцrdert. Den Anfang machte die westukrainische Stadt Lemberg (ukrainisch: L'viv), die 1356 das Magdeburger Recht erhielt (Kiew: Ende des 15. Jahrhunderts).
Entworfen wurde das Exlibris von Hlembyc'kyj wahrscheinlich im Jahre 1518. Aus dem Psalter geht hervor, dass Hlembyc'kyj das Psalter derNikolajkirche in Vilnius schenkte. Dies kцnnte bedeuten, dass das Exlibris nicht zur Bestätigung des Besitzes, sondern als ein Erinnerungszeichen an den Spender gedacht war. Bemerkenswert ist ьberdies das in einen breiten ornamentierten Rahmen eingefasste Wappen, auf dem eine Adelskrone thront, die die soziale Herkunft des Besitzers verrдt. Die Wappenkomposition ist von einer Inschrift umgeben, die auf den Besitzer verweist. Diese monumentale Art der Komposition zeigt Parallelen zur ukrainischen Architektur des 14.-17. Jahrhunderts, deren Tärme sich durch markante dekorative Formen auszeichneten.
Die Eintlьsse der Renaissance belegen auch andere SuperExlibris dieser Zeit. Super-Exlibris schmьckten die Bьcher des ukrainischen (niederen) Adels (ukrainisch: sljachta) und der Geistlichkeit seit Mitte des 16. Jahrhunderts. Im Historischen Zentralarchiv in Lemberg -werden Aktenbьcher mit ledernen Einbдnden aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt, die mit ornamentiertem Reliefdruck im Renaissance-Stil verziert sind. Sie sind geschmьckt mit einem Super-Exlibris in Form eines Rundsiegels mit dem Stadtwappen und einer Inschrift, die auf 1545 datiert ist. So wurden im 16. Jahrhundert die Einbдnde der Bьehcr der Fьrsten Sapega (ukrainischer Zweig), der Magnaten der Kiewer Woiwodschaft sowie der Fьrsten Kostjantyn Ostroz'kyj mit Wappen-Super-Exlibris geschmьckt. Ostroz'kyj spielte bei der Fцrderung des Buchdrucks im Rahmen der orthodox-ostslawischen Rьckbesinnung eine entscheidende Rolle. Ein ausgezeichnetes Beispiel fьr Gestaltung eines der ersten Super-Exlibris ist auch das Zeichen des Bischofs von Luc'k, Gregorius Chwalyczewski aus dem Jahre 1547, das im Renaissance-Stil gehalten ist. Buchproduktion, Buchdruck und damit auch die Verbreitung von Exlibris wurden in der Ukraine vor allem Ьber die durch Polen vermittelten Einflьsse von Renaissance, Humanismus und Reformation sowie durch die von den Jesuiten getragene Gegenreformation begьnstigt. Die Reformation fand seit der Mitte des 16. Jahrhunderts vor allem im GroЯ fьr stentum Litauen zahlreiche Anhдnger, u.a. auch unter orthodoxen oder zum Katholizismus ьbergetretenen ukrainischen Magnaten, die das calvinisti-sche Bekenntnis annahmen. Ende des 16. Jahrhunderts konnte die orthodoxe Kirche ihre Oberherrschaft aber zurьckgewinnen. Reformation und Gegenreformation forderten den religiцsen Disput. Wichtigste Waffe wurde das Wort, und die religiцse Polemik führte zu einem erhцhten Interesse am gedruckten Buch und war damit auch ein wichtiger Grund fьr die Steigerung der Buchproduktion.
Die Grьndung der ersten Druckereien in Ecmberg und im wolhynischcn Ostroh hдngt zusammen mit dem Aufschwung des gesellschaftlich-politischen Lebens in der Ukraine. Die Auseinandersetzung mit der Gegenreformation infolge der wiederbelebten Plдne um eine Union der Rцmischen und orthodoxen Kirche, die 1596 in der Union
von Brest und der Begrьndung der Linierten Kirche in der Ukraine mьndeten, fьhrten zu einer von Laien und Kirche getragenen Rьckbesinnung auf ostslawisch-orthodoxe Werte. Die gebildete orthodoxe Geistlichkeit erkannte die Notwendigkeit, ihre Kirchen mit ausreichender kirchlichliturgischer Literatur auszustatten. Notwendig wurde das gedruckte, einheitlich abgefasste Buch auch fьr Schulen, um die Polemik mit denen zu fuhren, die die politischen, religiцsen und kulturellen Rechte der Rus', d.h. der WeiЯrussen und Ukrainer in Polen-Litauen, in Frage stellten. Im Februar 1573 nahm die erste Druckerei in Lemberg ihre Arbeit auf. Gegrьndet wurde sie von dem aus Moskau vertriebenen Ivan Fedorov. 1574 druckte Fedorov eine Fibel, das erste gedruckte Lehrbuch in Osteuropa. Unterstьtzt wurde der Druck der Fibel von den aufklдrerischen Plдnen der Lemberger Stadtbьrger, die auf die Hebung des Niveaus ihrer Schulen zielten. Kulturelle und religiцse Aktivitдten wurden zudem von den schon seit dem 15. Jahrhundert bestehenden, nach westeuropдischem Vorbild gegrьndeten orthodoxen Bruderschaften entfaltet, die von einer dьnnen Schicht ukrainischer Kaufleute und Handwerker, aber auch Geistlicher und Adeliger getragen wurden. Diese Bruderschaften richteten gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Stдdten der Ukraine Druckereien und Schulen ein.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gewann die Fцrderung des Buchdrueks durch die Eliten wie Adel und Geistlichkeit eine besondere Bedeutung. Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielte der schon erwдhnte wolhynische Magnat Fьrst Vasyl'-Kostjantyn Ostroz'kyj, der sich wie andere groЯe Teile der orthodoxen Bevцlkerung der Union von Brest nicht angeschlossen hatte. Ostroz'kyj wandte sich an Ivan Fedorov mit Auftrдgen und richtete in der auf
seinen Latifundien gelegenen Stadt Ostroh eine Druckerei ein, die ostslawische Bьcher produzierte. Hier erschien 1581 der erste vollstдndige kirchenslawische Bibeltext in gedruckter Form. Auch wurde die sogenannte Akademie von Ostroh eingerichtet, an der Griechen und Ostslawen in griechischer, lateinischer und kirchenslawischer Sprache unterrichteten.
Insgesamt waren in der Ukraine zwischen 1574 und 1648 25 Druckereien tдtig, von denen 17 Ukrainern gehцrten und Bьcher ьberwiegend in Kirchenslawisch, aber auch in Ukrainisch, Polnisch und Lateinisch herausgaben. Das gestiegene Interesse an Buch und Buchdruck war auch eine Voraussetzung fьr das Aufkommen von Exlibris in der Ukraine. Die wichtigste Form des Exlibris blieb jedoch noch lange das Super-Exlibris. Fьr Druckereien oder Herausgeber von Bьchern, wie z.B. die Lemberger Bruderschaft, erfьllten dagegen seit Ende des 16. Jahrhunderts und im ganzen 17. Jahrhundert Siegel mit einem Wappen die Funktion von Exlibris. Erst fьr die erste Hдlfte des 18. Jahrhunderts kann man von einem bedeutenderen Aufkommen der gedruckten Exlibris in der Ukraine sprechen.
Im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhundert kam es unter dem Register-Hclman1 Petro Konasevyc Sahajdacnyj zu einer Verbindung zwischen den Dnipro-Kosaken und der sich in dieser Zeit herausbildenden religiцs-kulturellen Elite in Kiew. Sahajdacnyj, der an der Akademie von Ostroh studiert hatte, sorgte dafьr, dass das Kosakenheer 1615 geschlossen in die Kiewer Bruderschaft eintrat. Die Kosaken unterstьtzten nun die religiцs-kulturellen Bestrebungen in Kiew und traten als Beschьtzer der Orthodoxie auf. Damit waren die geistig-kulturellen Voraussetzungen fьr das Entstehen einer kosakisch-ukrainischen Herrschaftsorganisation geschaffen. Kiew wurde zum Zentrum
der geistig-kulturellen Renaissance, was mit einer kulturellen Blьtezeit einherging, die auch in der Buchkultur Spuren hinterlieЯ. Trдger der orthodox-ostslawischen Kultur wurde das Kiewer Hцhlenkloster, wo Chom Eysej Pletenec'kyj 1615 eine Druckerei einrichtete. Die Druckerei stand in enger Verbindung mit dem in den 1630er Jahren von Petro Mohyla (Kiewer Metropolit ab 1633) gegrьndeten Kicwcr Mohyla-Kollegium (Basis der spдteren Mohyla-Akademie), das der Buchproduktion im Hцhlenkloster weitere wichtige Impulse verlieh. Zugleich hatte das Kollegium groЯe Bedeutung fьr die Ausbildung der intellektuellen Elite der Dnipro-Ukraine bzw. des Hetma-nats, Die Absolventen (Geistlichkeit und kosakische Oberschicht) fцrderten die spдtere Mohyla-Akademie nicht nur finanziell, sondern auch durch Buchschenkungen. Petro Mohyla selbst verfьgte ьber eine groЯe Bibliothek, deren Besitz er mit einem Super-Exlibris mit dem Wappen seiner Familie bestдtigte.
Vor allem nach der polnisch-litauischen Realunion von Lublin 1569, in deren Folge fast die ganze Ukraine an das Kцnigreich Polen kam, entwickelte sich die Heraldik in der Ukraine ausgesprochen intensiv. Dies wird nicht nur durch Kunst- und Architekturdenkmдler belegt, sondern auch durch die Entwicklung des Exlibris. Die Adeligen der ukrainischen Lдnder, die zum GroЯfьrslen-tum Litauen gehцrt hatten, wollten sich nun ihre Zugehцrigkeit zum Adel und die gleichen Rechte wie der polnische Adel anerkennen lassen, was durch den Erhalt eines Wappens bestдtigt wurde. Dies fьhrte zu einem Aufschwung der Wappenkunst. Als eines der schцnsten Exlibris des 17. Jahrhunderts gilt die prдchtige Wappenkomposition, die dem Kronhetman des GroЯfьrstenlums Litauen Jan Karol Chodkewicz (1560-1621) im Jahre 1619 gewidmet wurde und sich durch eine hohes Niveau der Grafikkunst auszeichnet.
Autor dieses gedruckten Exlibris war der aus Lemberg stammende Jan Zarnko (ca. 1575 - ca. 1630), der in Kra-kau und Lemberg studierte und den seine Wege spдter ьber Italien nach Paris fьhrten. In Paris schuf er drei kьnstlerisch ausgesprochen wertvolle Exlibris in der Technik des Kupferstichs fьr Jak ьb Sobcski, Petro Dani-lowicz und Jan Karol Chodkewicz. Auch wenn Polen und Litauer Jan Zarko ihrem eigenen Erbe zurechnen, ist er zweifelsohne auch ein Teil der ukrainischen Kultur. In der Ukraine gelten die in Paris geschaffenen Exlibris von Jan Zarnko daher als erste gedruckte ukrainische Exlibris.
Nach dem Verbund der Hetman-Ukraine 1654 mit dem Moskauer Zarenreich konnte sich das Hetmanat zunдchst eine weitgehende Autonomie erhalten. Sehr bald
ging die auЯenpolitische Handlungsfreiheit jedoch verloren, die Anbindung an Russland wurde enger. In der Regierungszeit des Hetmans Mazepa (1687-1708) kam es zu einer letzten Blьtezeit des Hetmanats und einem Aufschwung der Kultur einschlieЯlich der Buchkultur. Nach der Niederlage der Schweden unter Kцnig Karl XII. und der ukrainischen Kosaken unter Mazepa gegen Peter 1. (den GroЯen) wurde die Autonomie spurbar reduziert und die Anglcichung an das Russische Reich vorangetrieben. Die ukrainischen geistig-kulturellen Traditionen wurden staatlicherseits kaum mehr gefцrdert. Im Gegenteil: Die Unifizierungs- und Zentralisierungspolitik Peters I. wirkte sich z.B. hemmend auf die Buchproduktion aus, nachdem der Buchdruck in ukrainischer Sprache durch Synodalerlasse des Zaren (1720/1721) eingeschrдnkt worden war. Andererseits brachte das 18. Jahrhundert fьr das nun unter russischer Kontrolle stehende Hetmanat nach den vielen kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte aber auch eine Phase von Frieden und Stabilitдt, die die kulturelle Entwicklung in der Ukraine fцrderte. Diese fruchtbare Entwicklung der ukrainischen Kultur im 18. Jahrhundert wurde durch den von Kyrylo Rozu-movs'kyj (1728-1803) unternommenen Wiederbelebungsversuch der Autonomie des Hetmanats nochmals gefцrdert. Doch ist Rozumovs'kyj als der letzte Hetman der Ukraine in die Geschichte eingegangen. Seine Plдne im Bereich der Kultur zielten auf die Grьndung einer Universitдt in der Re-sidenzstadt des Hetmans Baturin und die Reform der Kiewer Mohyla-Akademie. Rozumovs'kyj hatte in Westeuropa studiert und war bereits achtzehnjдhrig zum Prдsidenten der russischen Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften ernannt worden. Sein besonderes Interesse galt dem Buch: Er bestellte bei aus-
lдndischen Buchhдndlern in Westeuropa, wo das Buch nun fьr breitere Gesellschaftsschichten zugдnglich und erschwinglich wurde, eine betrдchtliche Anzahl von Bьchern. Seine Bibliothek zдhlte etwa 40 000 Bдnde und gehцrt zu den berьhmtesten in Europa. Auch von ihm ist ein SuperExlibris erhalten.
Reprдsentativ fьr die Exlibris in der Ukraine, die sich in dieser Zeit stдrker ausbreiten und im Tief druck verfahren (Kupferstich bzw. Radierung) ausgefьhrt wurden, ist das gedruckte Wappen-Exlibris des Sohnes des letzten Hetmans, Petro Rozumovs'kyj. Es enthдlt das Familienwappen der Rozumovs'kyj s und ist wie andere Exlibris dieser Zeit im Barockstil geschaffen. Auf dem Familienwappen ist der doppelkцpfige Adler als Symbol des Russischen Zarenreichs abgebildet, ьber dem sich die Grafenkrone Rozumovs'kyjs befindet. Der Schild wird von einem altukrainischen (rus'ischcn) und einem polnischen Krieger gehalten.
Auch im Verlauf des 19. Jahrhundert blieb das Wappen-Exlibris das am meisten verbreitete Exlibris in der Ukraine. Zunдchst wurden Exlibris in der Technik des Kupferstichs ausgefьhrt, im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde dann der Holzstich immer populдrer. Ein Beispiel ist das Wappen des aus einem bekannten ukrainischen Adelsgeschlccht stammenden Petro Kocubej. Es wurde von dem bedeutenden Meister Baron Konstantin Klodt von Jurgensburg (1807-1879) geschaffen, der in Russland vor allem auf dem Gebiet des Holzstichs tдtig war. Den Schild halten ein Lцwe und ein Kosak mit Eanze, der dem Wappen eine ukrainisch-nationale Konnotation verleiht.
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts konnte die Palette von Ausdrucksmitteln in der Exlibriskunst durch die Ausweitung grafischer Techniken variiert werden.
Neben den Tiefdrucktechnikcn kam die Lithografie zum Einsatz. AuЯerdem wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Zinkografie und der Linolschnitt erfunden.
Ein betrдchtlicher Teil von Exlibris des 19. Jahrhunderts wurde als Schriftbilder konzipiert. Dabei handelt es sich um gedruckte Aufkleber mit einem Text im Akzidenzrahmen, Stempel, die aus einzelnen Lettern gesetzt oder in einer Druckerei gegossen wurden, sowie manch-
mal auch um einen gestochenen Text, eine Reliefprдgung oder um den Namen eines Wьrdentrдgers als Eigner unter einer Krone. Ungefдhr seit den 1830er Jahren begannen lithographische Aufkleber mit Akzidenzien und Schrift zu konkurrieren. In der Regel handelte es sich dabei um Zeichen von Bibliotheken der Militдreinheiten und Militдrschulen, die in den Militдr-Druckereien gedruckt wurden. Beispiele sind die Exlibris der Bibliothek der
Pctrovs'kyj-Kadettenanstalt in Poltava, der Bibliothek der Kaiserlichen Gesellschaft fьr Geschichte und Altertьmer in Odessa oder der Bibliothek des Kollegiums von Pavlo Halahan. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Metallstempel durch Stempel aus Kautschuk ersetzt, die auch heute noch verwendet werden. GroЯer Popularitдt erfreuten sich Stempel in unterschiedlichen Formen: Genannt seien die Wappenstempel in ovaler (waagerechter bzw. senkrechter) Form von J. Dorosenko, D. Dorosenko, des Grafen M. O. Kuseljev-Bezborod'ko und von M. Markevyc. Zu erwдhnen sind auЯerdem die Rundstempel von V Puchals'kyj und M. Sudijenko sowie die achteckigen Stempel von M. D. Tolstoj, J. Cykalcnko sowie der Stempel in ovaler Form, ebenfalls mit dem Namenszug von M. D. Tolstoj.
Um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts kam es in der Ukraine zu einem spьrbaren Anstieg des Interesses an Exlibris. Trn Russischen Reich, das den grцЯten Teil der ukrainischen Gebiete umfasste, kam es mit dem Eintritt in das Industriezeitalter zu tiefgreifenden sozialen und politischen Umwдlzungen und einem Anstieg der gesellschaftlichen Aktivitдten. Die Industrialisierung brachte neue Berufe der Bildungsschichten hervor, wenn auch in einem im Verhдltnis zur Gesamtbevцlkerung immer noch geringen MaЯe. Gleichwohl kцnnte das Entstehen neuer sozialer Gruppen und Berufe auch das gestiegene Interesse am Buch erklдren: Дrzten, Lehrern, Ingenieuren und Anwдlten war der Erwerb von Bьchern und die Einrichtung einer eigenen Bibliothek nun eher mцglich, eine wichtige Voraussetzung fьr die stдrkere Verbreitung von Exlibris. Tatsдchlich kommen jetzt verstдrkt Exlibris auf, deren Zeichen meist auf den Beruf des Besitzers verweisen (z.B. die Waage bei einem Exlibris eines Juristen).
Kьnstler und Sammler schlцssen sich um die Jahrhundertwende zu Verbдnden zusammen, die Exlibris-Ausstellungen organisierten und Exlibris bei Kьnstlern in Auftrag gaben. AuЯerdem gaben diese Vereinigungen Alben und Kataloge heraus und popularisierten die Exlibris mit Hilfe von Zeitschriften und anderen Publikationen. Begьnstigt wurde diese Entwicklung durch das Aufkommen der Zinkografie, die die Fertigung von Exlibris wesentlich vereinfachte und deren Vervielfдltigung unterstьtzte. Diese Traditionen der Bildungsschichten lebten, wenn auch reduziert und beschnitten, auch in der Sowjetunion weiter, und das Exlibris wurde zu einem beliebten Sam-melobjckt und, in den Zeiten von Terror und Stagnation, zu einer Art Nischenkunst.
Anmerkungen
1 Quelle: Vzdornov, G. L: Kievskaja Psaltir' 1397 goda. St. Petersburg (Leningrad) 1978.
2 Quelle: Augostinus Aurelius (354-430). Basel. Johannis Frobenii, 1528-1529. Bestand der Nationalen Vernads'kyj-Bibliothek der Ukraine der Akademie der Wissenschaften der Ukraine.
3 Als Hctman wird der Anfьhrer des Kosakenhceres bezeichnet. Unter Reg ister-Kosaken versteht man die Kosaken, die als regulдre Truppen in den Diensten des polnischen Kцnigs standen.
4 Quelle: Kisarauskas, V: Lietuvos Knygos Zenklai 1518-1918. Vilinius: 1984.
5 Quelle: Privatsammlung Mychajlo Hruzov (Kiew).
6 Quelle: Privatsammlung Mychajlo Hruzov (Kiew).
Literaturangaben
Nesterenko, P.V: Ukrains'kyj protoekslibyis. In: Naukovi praci Nacio-
nal'noT bibliotcky imeni Volodymyra Vernads'koho. Vypusk 3. Kyi'v
2000, S.233-244. Nesterenko, P.V: Ukiains'kyj superekslibrys XVl-XVill st. In: Rodovid.
Nr. l (17)1999,8.54-63. Aleksandrovyc, V/Myc'ko, L: Archijerejs'kyj Sluzebnyk i Trebnyk
Ivana Bojare'koho. In: Pam'jatky UkraTny. Nl/6 1993, S. 74-84.

Abb. 2: Super-Exlibris des Bischofs von Luc'k, Gregorius Chwalyczewski, 1547, Durchmesser 72 mm

Abb. 3 Exlibris von Jan Karol Chodkewicz, 1619, Kupferstich. 167 x 221 mm, Künstler: Jan Zarnko

Abb. 4: Unbekannter Künstler, Le Comte P. de Razoumowsky, Hälfe des XVIII. Jahrhunderts, Kupferstich, 101 x 82 mm

Abb. 5: Von Petra Kocubej, Mitte des XIX. Jahrhunderts, Holzstich, 91 x79mm, Künstler: Konstantin Klodt von Jurgensburg

Abb. l: „Gemaltes Exlibris von Avraam Hlembyc'kij” ca. 1518 (Kicver Psalter. 1397)

published Nesterenko, Peter at 2005.06.12
written by Nesterenko, Peter